Petras Paulaitis schreibt:

Lieber Bruder, hier ein paar Worte für Dich aus der Hölle. Traue mich kaum, je­mand offiziell mehr zu schreiben. Solche Briefe werden beschlagnahmt und ver­schwinden. Verspüre außerdem, daß auch die Empfänger meiner Briefe obser­viert und verfolgt werden. Und möchte doch nicht ganz isoliert, nicht gänzlich ge­trennt sein von dem Mutterland Heimat, seinen Töchtern und Kindern. Doch werden die Möglichkeiten einer Korrespondenz erheblich kleiner und geringer. Doch, solange das Herz noch in der Brust schlägt, will ich die Stellung unter kei­nen Umständen dem Feind überlassen. Die Sache wird dadurch erschwert, daß sich unsere Reihen lichten. Kaum gibt es Menschen auf die noch zutrifft:

Ich bin ganz Wirbel,

Ganz Feuer und Pflicht,

Ein glühender Funke

Vom himmlischen Licht!

Menschen werden alt und vergreisen. Übriggeblieben sind vor allem jene, die sich auch früher für nichts interessierten. Wir sind hier 12 Litauer, zusammen auf dem ganzen Hof noch 130 Mann. Das Lager der Politischen wird (unauffällig) aufge­löst — jede Woche werden kleine Gruppen nach Norden in die Lager um Perm abtransportiert. Für den Rest schafft man in Barasev 3—5 Platz, von wo man uns im Vorjahr abschob.

Leonas vermisse ich schon lange, auch Vincas und andere. Ob ihnen was Schlim­mes zugestoßen ist? Das Regime wird verschärft. Und die kleinen Schritte der Verschärfung werden planmäßig und behutsam vorgenommen. Man bemüht sich, jeden von drinnen zu beeinflussen, so daß sich jeder vor jedem fürchten und meiden soll.

Die Lagerordnung, Gesetze und Instruktionen werden nebulös, doppeldeutig und widersprüchlich abgefaßt. Da mag der Gefangene noch so ungerecht behandelt werden und seinerseits recht haben, in jedem Falle ist er der Willkür der Lagerver­waltung ausgeliefert. Man kann die armseligen Menschlein nur bedauern, ihnen sogar böse werden, wenn sie immer noch auf irgendwelche Menschlichkeit hof­fen. Überall und an allem, selbst dem geringsten Detail, erkennt man die konse­quente Lüge und Betrugsabsicht. Die können schon gar nicht mehr anders. Doch wir glauben heilig und von Herzen, fügen uns Gottes Willen. Er allein kennt das Ziel des Leidensweges. Ihm sei Dank, daß er Menschen die Kraft gibt, diesen Weg zu gehen.

Ich küsse Dich, lieber Bruder, und in deiner Person mein liebes Vaterland, alle seine guten Kinder und Töchter!

Petras Paulaitis

Im Archipel GULAG feiert Petras Paulaitis in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlaß grüßen wir diesen edlen Sohn unseres Volkes, der auch im Alp­traum des Straflagers nicht zerbrach, dessen heldenhafte Liebe zu Gott und sei­nem Heimatland, ein leuchtendes Vorbild ist, das uns alle zum Kampf für die Wahrheit ruft. Sein auf dem Altar der Freiheit für sein Land dargebrachtes Blut­opfer wird kommenden Generationen künden, wie Litauer ihrem Glauben treu blieben, die Freiheit schätzten und bereit waren, sich dafür zu opfern. Wir erbeten vom Himmel Gottes reichen Segen für den Jubilar.

Es schreibt Nijolė Sadūnaitė:

»Heute habe ich einen Rekord im Briefschreiben erreicht — dies ist das 37. Brief­lein. Schreibe kurz, ein paar Worte nur. Bin allerbester Stimmung. Es ist Abend, bei uns 22 Uhr. Gehe für 15 Minuten im Hof spazieren. Ein Gebet und schlafen legen! Morgen heißt es wieder wachen!«

Nijolė versucht alle erhaltenen Briefe zu beantworten. In der verbliebenen Freizeit schreibt sie pro Tag 20—30 Briefe. Nach 24 Stunden Arbeit, ebensolange Pause. Nach kurzem Ausruhen verwendet sie die ganze Freizeit für die Korrespondenz. Wenn ihr von Nijolė keinen Brief bekommt, sollt ihr wissen, sie hat euren Brief nicht bekommen, oder die Geheimdienstzensur hat ihren Brief an euch konfis­ziert. Nur selten läßt die Zensur Briefe an Nijolė aus Irland, England, Australien, Spanien, Holland, Portugal oder Frankreich passieren! Aus diesen Staaten hat Nijolė nur einen, vielleicht zwei oder noch ein paar Briefe bekommen. Fast die Hälfte aller Auslandsbriefe kommt aus Westdeutschland, obwohl auch hiervon ein großer Teil beschlagnahmt wird.

In ihrem Brief vom 15. April 1978 schreibt Michaela Baumann aus der Bundesre­publik Deutschland an Nijolė: »Hast Du den Brief des Augsburger Bischofs Jo­sef Stimpfle nicht bekommen? Der Bischof hat Dir viele Mal geschrieben! Er kümmert sich rührend um Dich. Dein Brief würde den Bischof sehr erfreuen.« Ein volles Jahr ist seit dem Brief der Michaela Baumann vergangen, doch hat Ni­jolė auch nicht einen Brief seiner Exzellenz des Herrn Bischofs Stimpfle erhalten. »Aus Polen habe ich nicht einen Brief erhalten, obwohl ich weiß, daß mir viele Polen geschrieben haben. Auch Briefe polnischer Touristen, aus Vilnius abge­sandt, haben mich nicht erreicht. Zwei Briefe kamen aus Washington, doch ge­nügten sie, mir begreiflich zu machen, wie sehr man sich müht, mir zu helfen. Ich bin allen ja so dankbar!«

»War bereits unruhig geworden, da ich längere Zeit von meinen Angehörigen in Vilnius keine Briefe bekam. Daher ist heute ein Festtag für mich! Man brachte die Post, in der ich unter anderen gleich fünf Briefe meines Bruders Jonas Sadūnas fand. Wie man sieht, sind lange Reisen auch für Briefe langweilig. Sie warten auf Gesellschaft — zu fünft ist die Reise angenehmer. Viele meiner Lagerbekannten, Gefangene, Verbannte und Bürger von Moskau, erhalten meine Brieflein nicht, in denen doch nur wenige kurze Sätze stehen. Viele meiner Briefe verschwinden auch auf der weiten Reise in mein Heimatland Litauen . . .«

Aus einem Brief vom 15. Juni 1978

»Zoll für Geschenke aus dem Ausland ist sehr hoch. Von Lebensmitteln wird Schokolade am höchsten verzollt —1,20 Rubel je Tafel. Ein Päckchen Kakao — drei Rubel. Hoch ist auch der Einkaufspreis für Kleidung — egal ob alt oder neu. Eine einfache, nicht wollene Strickjacke — 25 Rubel, ein Kaprontuch — 20 Ru­bel, Strümpfe —fünf Rubel. Diese Sätze entsprechen oder übersteigen den Kauf­preis in Geschäften. Und mein Monatslohn beträgt 75 Rubel. Für ein kleines Stübchen von sechs Quadratmetern Fläche zahle ich 20 Rubel Miete . . .« »Aus Westdeutschland erhielt ich von M. Isfried ein Päckchen mit zwei gleichen Strickjacken. Nach Tarif 108 wurde eine der Strickjacken getragen und gefärbt, mit 25 Rubel bewertet und gleich 50 Rubel abgezogen. Das Zollamt Tallinn hatte die eine Jacke mit 25 Rubel angesetzt, die andere nochmals mit 25 — und die Summe mit 50 notiert. Unten aber stand als Gesamtsumme 75 Rubel, d. h. 25 mehr als berechnet. Habe heute an das Zollamt Tallinn geschrieben und Rückver­gütung der 25 Rubel verlangt, die ihnen gar nicht zustehen. (. . .) solche Räube­reien mit fremden und abgetragenen Sachen, passen doch wohl kaum zu unseren >Humanisten< (. . .)«

 

In seiner Antwort vom 7. Juli 1978 schreibt das Zollamt Tallinn: »Der Zollbetrag für die Päckchensendung ist richtig berechnet. Nach den Zollbestimmungen wird der Betrag für überzählige Doppelstücke doppelt berechnet.« Unterschrieben von einem Zollamtsdirektor V. Arusaar.

Für einen Ring aus Jerusalem im Wert von 10 Dollar, mußte Nijolė 70 Rubel zah­len; für ein Kapron-Kopftuch aus Westdeutschland zog das Zollamt 20 Rubel ein. Ferner verschwinden viele der übersandten Sachen spurlos und, damit die Kon­trolle erschwert wird, stiehlt man die Liste mit dem Inhalt der Sendung gleich mit. Alle kriminellen und politischen Verbannten, dürfen ihren regulären Urlaub bei sich zu Hause verbringen. Nach letzten Nachrichten von Nijolė, ist bekannt, daß sie zwar im August Urlaub bekommen habe, trotzdem nicht nach Litauen kom­men konnte — Verbot des Geheimdienstes. Viele sind besorgt, ob Nijolė nach Li­tauen zurückkehren wird, wenn die Zeit der Verbannung vorüber ist.