In den Abendstunden des 6. August 1978 erreichte uns über Rundfunkwellen die Trauerkunde vom Tode Papst Pauls VI.

Obwohl hinter dem Eisernen Vorhang lebend, kannten wir, die Katholiken Li­tauens, sehr wohl diese christliche Heldengestalt eines eifrigen und uner­schrockenen Verteidigers der Sache Gottes in stürmischen Krisenzeiten der Ver­nunft und des Geistes.

In unseren Herzen bewahren wir das Echo der österlichen Grußworte des ver­ewigten Papstes in litauischer Sprache Su Šventomis Velykomis (Gesegnete Ostern). In großer Dankbarkeit gedenken wir der Genehmigung Pauls VI. zur Einrichtung der Märtyrerkapelle im Dom zu Sankt Peter und der Weihe des dortigen Muttergottesbildes. Seine Geschenke, die Meßbücher und Breviere, er­innern uns immer an sein väterliches Wohlwollen.

Die Katholiken Litauens beten für den verstorbenen Stellvertreter Christi auf

Erden und hoffen auf seine himmlische Fürbitte für die Kirche.

Das Gerichtsverfahren gegen V. Petkus begann am 10. Juli 1978, und eine sorg­fältige Regie war dieser Justizkomödie vom ersten Tage an eigen. Zur Verlesung der Anklageschrift wurden nur Esten und Letten geladen und eingelassen, d. h. Zeugen, die Litauisch weder sprechen noch verstehen. So konnten sie nur wahr­nehmen, wie vier Milizionäre V. Petkus mit ausgedrehten Armen in den Ge­richtssaal schleiften. Vor Gericht erklärte sich der Angeklagte nicht schuldig und verzichtete auf einen Rechtsanwalt. Die übrige Zeit hindurch strafte Petkus das Gericht mit demonstrativer Nichtbeachtung, beantwortete keinerlei Fragen, brütete einfach vor sich hin, ohne sich zu verteidigen oder etwas zu erklären. Die erste Verhandlung dauerte eineinhalb Stunden, worauf sich das Gericht ver­tagte.

Am 11. Juli 1978 erschien eine große Schar von Freunden und Gesinnungsge­nossen des V. Petkus beim Obersten Gerichtshof, sie durften den Verhand­lungsraum jedoch nicht betreten. Ein an der Eingangstür postierter Tschekist erklärte allen, im Saal sei »kein Platz mehr frei«. Als erste Zeugen betraten den Saal Pfarrer A. Garuckas, Frau O. Lukauskaitė-Poškienė und R. Ragaišis. Sie stellten verwundert fest, daß der bis zum Einlaß der Zeugen verschlossene Raum bereits von einer Menge seltsamer Typen besetzt gehalten wurde. Nach Kennt­nisnahme dieser Art von Publikum fragte Frau O. Lukauskaitė-Poškienė (Mit­glied der litauischen Helsinkigruppe) den Zeugen Pfarrer Garuckas (ebenfalls Mitglied derselben Gruppe) laut hörbar:

»Sind das alles Zeugen? Oder etwa Presseleute — Nein?! Dann handelt es sich wohl um >geladene Ehrengäste<!«

Dies schrieb Vladas Lapienis:

»Bei warmem Wetter plagen uns Scharen von Mücken. Wehrlos sind wir ihrem Angriff ausgeliefert, draußen, in den Baracken, in der Kantine, d. h. dauernd — bei der Arbeit, beim Ausruhen, beim Essen. Öffnet man die Tür, schon drin­gen sie ein. Neben den Baracken gibt es ein paar Furchen. Hier sah ich den Häftling Paulaitis kauern und Unkraut jäten, neben sich ein brennender Reisig­haufen, inmitten von Rauchschwaden. Mücken hassen Rauch, und nur so ge­lingt es, dieser Plage einigermaßen Herr zu werden . . .

Auch ein rechtes Gebet ist eine äußerst wirksame Waffe, ein unerschöpflicher Reichtum, ein Quell aller Schätze, unser bester Lehrmeister.

Viele Menschen der geistigen und physischen Freiheit zu berauben, zugunsten eines einzelnen oder einiger weniger, ist ein schweres Verbrechen gegen die na­türliche Rechtsordnung . . .

Ein Gefangener muß, besonders bei Verhören, blitzschnell Entscheidungen tref­fen, er hat keine Gelegenheit zu beraten, noch ruhig nachzudenken. Da gibt es nur eins — höre auf die Stimme deines Gewissens. Wehe später dem Menschen, der in einem solchen Falle mit seinem Gewissen in Konflikt gerät.

In der Tageszeitung Tiesa (Parteiorgan, Vilnius) erschien am 28. Juni 1978 ein langer Artikel Šmeižtai iš sakyklos(Verleumdungen von der Kanzel). Darin wird der Gemeindepfarrer von Viduklė, Alfonsas Svarinskas, beschuldigt, er verleumde das Schulwesen, die jetzige Wirklichkeit und verderbe die Jugend, in­dem er frühere »Verbrecher« als Helden schildert.

Nach Erscheinen des erwähnten Artikels stellte Pfarrer A. Svarinskas in einer Predigt in der Kirche von Viduklė den Gläubigen gegenüber richtig, wer die wahren Verleumder und Verbrecher sind.

Pfarrer A. Svarinskas erhielt daraufhin viele Briefe von KGB-Agenten sowie von gläubigen Katholiken. Interessant dabei ist, daß keiner der KGB-Mitarbeiter den Mut hatte, seinen Brief zu unterzeichnen.

Nachstehend geben wir das Protestschreiben der Gläubigen von Viduklė wieder: An den Ersten Sekretär der KP Litauens, Petras Griškevičius, in Vilnius.

Protest

von Gläubigen der Römisch Katholischen Kirchengemeinde Viduklė. In der Nummer 149 der Tiesa vom 28. Juni d. J. erschien ein Artikel des Son­derkorrespondenten der Zeitung, Vytautas Zeimantas, unter der ÜberschriftŠmeižtai iš sakyklos (Verleumdungen von der Kanzel). Diese Verleumdungen unseres Gemeindepfarrers Alfonsas Svarinskas durch den Korrespondenten wurden von den Rayonzeitungen in Raseiniai und Šiauliai nachgedruckt. Wir, litauische Katholiken, sind an Diskriminierung und Herabsetzung aller Art bereits gewöhnt. In Presse, Rundfunk und Fernsehen und mündlichem Sprach­gebrauch beschimpft man uns als Hinterwäldler, Dunkelmänner, Fanatiker und ähnliches, während man gleichzeitig das 400. Gründungsjubiläum der Universi­tat Vilnius vorbereitet. Diese Universität wurde von dem katholischen Jesuiten-Orden gegründet. Straßen und nähere Schulen sind nach Namen der Bischöfe, Geistlichen und gläubigen Christen benannt, deren klassische Literaturwerke herausgegeben werden. Wir bezweifeln wahrlich, daß Presse und Propaganda der Atheisten jemals vertretbares wissenschaftliches Niveau erreichen werden . . .

I. Gedanken vom vierten Lehrerkongreß der Litauischen SSR

In seiner Rede auf dem vierten Lehrerkonkreß der Litauischen SSR, am 7. Juni 1978 in Vilnius, erklärte Bildungsminister A. Rimkus, der Schuljugend Litauens würden »Gefühle des hehren Sowjetpatriotismus, der Völkerfreundschaft und des proletarischen Internationalismus« eingeimpft. Erfreut stellte er fest, es ge­be »bereits 98 gemischte Schulen, die von 53 500 Schülern, d. h. einem Zehntel der gesamten Schülerschaft allgemeinbildender Schulen besucht werden.« Der Redner betonte ferner, »einen bedeutenden Beitrag zur Erziehung im Geiste der Völkerfreundschaft und Sowjetpatriotismus leistete der sozialistische Wettbe­werb zwischen Litauen und Weißrußland«.

Hier ist daran zu erinnern, daß auf dem Territorium Weißrußlands schon 34 Jahre hindurch ein Kampf gegen die dortige litauische Jugend geführt wird, die nicht einmal in Volksschulen den Unterricht ihrer Muttersprache kennt. Wenn man sich ausrechnet, wie viele Menschen im heutigen Weißrußland ihrer litaui­schen Muttersprache kaum noch mächtig sind; wenn man darin in den Worten von A. Rimkus einen bedeutenden Beitrag sehen will, so wird unschwer erkenn­bar, woraus Sowjetpatriotismus, Völkerfreundschaft und proletarischer Inter­nationalismus bestehen, die man mit brutalen Mitteln in Herz, Seele und Ver­stand litauischer Schulkinder infiltrieren möchte.

Šiauliai

Wie die Chronik der Litauischen Katholischen Kirche bereits berichtete, wurde Pfarrer I. Alesius bereits als Seminarist während des Urlaubs im Rayon Lazdijai vom Geheimdienst nicht in Frieden gelassen, sondern dauernd vom KGB (dem KGB-Chef von Lazdijai, Žemaitis, und einem Tschekisten aus Vilnius) at­tackiert.

Am 11. Januar 1978 wurde Pfarrer Alesius, jetzt als Vikar an St. Peter und Paul in Šiauliai tätig, ins Militärkommissariat bestellt, angeblich zwecks Überprü­fung einer Militärdienstangelegenheit. Tatsächlich empfing ihn ein Geheim­dienstler, der sich als Romas Pietaris vorstellte.

— Grüße von Šiaudinis in Vilnius.

— Einen Šiaudinis kenne ich nicht.

— Mit dem hast du doch in Lazdijai gesprochen, er ist vom Geheimdienst in Vilnius. Und jetzt werden wir zwei uns treffen, und wir werden denen sagen, was du uns mitzuteilen hast.

— Nein, ich denke gar nicht daran, mich mit Ihnen zu treffen, denn ich kümme­re mich nicht um Politik.

Varputėnai

Im April 1977 verstarb im Dorf Šilkalniai der Schüler Petras Vozbutas der 11. Klasse der hiesigen Mittelschule. Die Eltern beschlossen, ihren Sohn kirchlich bestatten zu lassen. Das wiederum erregte die Geister der Mitarbeiter der Mutter des Verstorbenen, der Lehrerin Vanda Vozbutienė:

— Was machst du da nur? Eine Schande für die ganze Schule!

— Schuldirektor Juozas Daraška war erzürnt, noch erregter zeigte sich die Leh­rerin Frau Vanda Grybauskienė, Leiterin der Lehrabteilung:

— Das werden wir dir niemals verzeihen!

Frau Vanda Vozbutienė wurde dann auch tatsächlich auf alle nur mögliche Art und Weise terrorisiert und so lange eingeschüchtert, bis sie die Aggressivität ih­rer Kollegen nicht mehr ertragen konnte und ihren Abschied nahm. Es ist zu bemerken, daß ein solches Benehmen keineswegs nur für fanatisch ver­anlagte Lehrer typisch ist. Auch andere benehmen sich so ähnlich, aus Angst, bei der zuständigen Bildungsabteilung oder dem örtlichen Parteikomitee in Ungnade zu fallen.

Die Mitarbeiter des Kulturministeriums der Litauischen SSR wunderten sich am 18. Juli 1978 über ihren fahrig und nervös umherirrenden Kollegen Henrikas Lanzbergas, ein langjähriger Funktionär des Hauses. Kein Mensch ahnte etwas. Erst als der Direktor des wissenschaftlich-methodischen Kabinetts erschien, erfuhr man die grausige Geschichte vom Selbstmord der 21jährigen Renata Gavrilenkaitė aus derselben Abteilung. Sie hatte sich an der Wohnungstür ihres Liebhabers Henrikas Lanzbergas aufgehängt. Dieser hatte nicht einmal gewagt, die Schnur abzuschneiden, um ja keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Doch bald fanden Kollegen im Ministerium den Abschiedsbrief der Toten . . . Ein überraschendes Ereignis, wie es scheint. Wirklich? Seit langem residiert H. Lanzbergas in den Räumen des Ministeriums, und schon seit Jahren hört man in seinem Zimmer Mädchen schreien. Über die persönlichen Eskapaden dieses Wüstlings konnte man auch außerhalb des Ministeriums einiges hören, doch was kümmerte dies schon die verantwortlichen Amtsleiter. Über die Moral des H. Lanzbergas zu reden erübrigt sich, sehen wir uns lieber sein letztes (?) Opfer an.

Mag die Tote selbst sprechen. In ihrem Abschiedsbrief schrieb Renata, »die Au­gen des ermordeten Kindes« hätten ihr keine Ruhe gelassen. Der durch sowjeti­sche Rechtsprechung legalisierte Kindermord hat also die Stimme des Gewissens einer jungen Frau nicht ganz verstummen lassen. Vielleicht war sie noch nicht lange genug im Kulturministerium tätig, wo man so sehr auf atheistische Moral bedacht ist und »religiöse Vorurteile« heftig bekämpft . . . Sehen wir uns das Leben der Renata etwas näher an. Der Vater — ein Sowjet­funktionär, dessen väterliche Fürsorge für seine drei Kinder damit aufhörte, daß er sie physisch ins Leben setzte. Lebensinhalt der Mutter wurde der Alkohol nach der weit schwereren Aufgabe, drei Kinder zu gebären. Damit aber endete auch die »Mutterschaft«.

Kišinev

Eine winzige Kapelle zu Kišinev ist das einzige katholische Gotteshaus in der ganzen Moldauischen Republik. An Sonn- und Feiertagen ist das Kirchlein überfüllt, wegen Platzmangel und Atemnot werden Menschen ohnmächtig, oft­mals muß sogar die »Erste Hilfe« kommen. Nach mehrmaliger Hilfeleistung weigerte sich das Personal jedoch, weiter tätig zu werden. Bei einem erneuten Notruf erklärte man:

— Ihr betet doch zu Gott — möge Gott euch helfen!

Menschen aus der gesamten Moldauischen Republik versammeln sich hier, um zu beten, kommen per Autobus, per Anhalter aus einem Umkreis von 100 bis 200 Kilometer — und können nicht einmal beichten, denn der einzige Priester ist physisch nicht in der Lage, alle Katholiken der Republik zu versorgen. Wieder­holt haben sich die Gläubigen an den Bevollmächtigten des Rates für religiöse Angelegenheiten, Wikonski, gewandt und um Zulassung wenigstens eines zu­sätzlichen katholischen Geistlichen gebeten. Der Bevollmächtigte des Rates wollte erst gar nichts davon hören — die Sowjetmacht habe Kummer genug mit dem einen amtierenden Pfarrer, nicht auszudenken, was aus der Moldauischen Republik werden soll, wenn es zwei Priester gibt.

»Aušra« Nr. 11 (51). Diese Nummer enthält eine ausführliche Beschreibung der Aburteilungskomödie von B. Gajauskas, ausführliches Material ist dem politi­schen Häftling P. Paulaitis und seinem 30jährigen Martyrium im GULAG ge­widmet. Die Nummer ist B. Gajauskas und P. Paulaitis dediziert.

»Gott und Vaterland«, Nr. 8. Mehrere bemerkenswerte Artikel sind in dieser Nummer wiedergegeben, darunter »Verrat« und »Die Sowjetverfassung — Schande unserer Epoche«. In dem Artikel »Verrat« heißt es unter anderem: »Allen Geistlichen, die Verrat üben, ihren Glauben aber noch nicht ganz verlo­ren haben, schlagen wir vor, dem Geheimdienst umgehend schriftlich mitzutei­len, daß sie jegliche weitere Zusammenarbeit kategorisch ablehnen.«

LITAUER — VERGISS SIE NICHT!

P. Plumpa, N. Sadūnaitė, S. Kowalew, O. Pranckūnaitė, V. Lapienis, B. Ga­jauskas, V. Petkus — und die anderen, die Ketten der Unfreiheit tragen, damit Du frei leben und glauben kannst!