An den Kultusminister der Litauischen SSR

Abschrift: An den Direktor des Mičiurinas' Sovchostechnikums in Kaunas

Des Spindžiūnas Vytautas, Sohn des Juozas, Schüler am Mičiurinas' Sovchostechnikum in Kaunas, wohnhaft in Kaunas, Botanikos 6,

Erklärung

Am 13. Juni dieses Jahres, als ich zu Praktikumsarbeiten gekommen war, hat der Technikumsdirektor mich zu sich gebeten und mich gefragt, wo ich gestern, den 12. Juni, gewesen sei. Ich sagte, daß ich in Alytus gewesen sei, um einen bekannten Priester, der dieses Jahr das Seminar beendet hatte, zu gratulieren. .Dann hat der Direktor zusammen mit einer anderen mir unbe­kannten Person mich durch Drohungen und Einschüchterungen gezwungen, die lügenhafte Erklärung zu unterschreiben, daß ich auf eigenen Wunsch das Technikum verlassen wolle. Nachdem der erste Schreckenseindruck auf mich vergangen war, wollte ich meine Erklärung zurückziehen, aber der Direktor hat mir das Schriftstück nicht zurückgegeben und erlaubte mir nicht, ferner an den Praktikumarbeiten teilzunehmen.

Weil der Priester ein vom Staat anerkanntes Seminar absolviert hat, habe ich durch meine Gratulation kein Vergehen begangen. Mich dafür aus dem Tech­nikum zu entfernen, hat keiner das Recht; auf eigenen Wunsch das Techni­kum zu verlassen, habe ich ebenfalls nie beabsichtigt, die Erklärung habe ich nur unter Zwang unterschrieben.

Ich bitte den Genossen Minister mich zu beschützen, die unter Zwang er­preßte lügenhafte Erklärung nicht anzuerkennen und den Direktor anzuwei­sen, daß er mich zum Weiterlernen im Technikum zulasse.

Kaunas, d. 14. Juni 1977        V. Sprindžiūnas

 

Telšiai

Das Kultusministerium der Litauischen SSR hat mitgeteilt, daß die Eingaben von Frau Šeduikienė überprüft worden seien und daß die Kultusabteilung des Rayons Telšiai ihr wegen Mangel an freien Stellen keine Arbeit geben könne. (Die Frau Lehrerin Šeduikienė wurde wegen ihrer religiösen Uberzeugung von ihrer Dienststelle entlassen.)

 

Švėkšna

Der Lehrer der Mittelschule von Švėkšna Urmolevičius gibt den gläubigen Schülern atheistische Bücher und zwingt sie zur Vorbereitung und zum Vor­tragen atheistischer Themata. Am 9. Februar 1977 hat er zwei Schüler - Ju­cius von der Vila Klasse und Lamsargis von der IX. Kl. - zum Lehrerzimmer vorgeladen und dafür geschlagen, daß sie auf seine atheistischen Fragen keine Antwort gegeben hätten.

 

Valkininkai

Am 19. Februar 1976 wurde die Erzieherin der Vllb Klasse der Sanato­riums- und Internatsschule in Valkininkai, J. Šironienė, gezwungen, eine Er­klärung zu unterschreiben, daß sie auf eigenen Wunsch aus der pädagogi­schen Arbeit ausscheide (und zwar knapp 6 Monate vor ihrer Pensionierung), obwohl sie von der Unterrichtsabteilung und vom ZK des Komsomol für eine gute Erziehung der Schüler und Pioniere wie auch für ihre gewissenhafte Ar­beit öfters mit Belobigungsschreiben ausgezeichnet worden war. Die von ihr geleiteten Klassen hatten bei verschiedenen von der Schule veranstalteten Wettbewerben sehr oft die ersten Plätze belegt.

Die Schulleitung und die kommunistischen Pädagogen hatten bemerkt, daß die Erzieherin J. Sironienė gläubig ist.

Die damalige Leiterin der Pioniere, B. Bendoraitienė, hatte beschlossen, während der Biologiestunden im Monat Dezember 1975 die Anschauungen der Schüler durch Fragen über Entstehung der Erde und des Lebens zu über­prüfen. Einige Schüler hätten geantwortet, daß Gott alles erschaffen habe. In der nächsten Stunde hat die Lehrerin die Schülerin D. Bazytė aufgerufen und sie eindringlich befragt, ob sie die Kirche besuche. Nach dem Schulunterricht hat Frau B. Bendoraitienė die Schüler (Zöglinge des Kinderheimes) Česnule­vičius und Kuncevičius verhört.

Den Schülern der Klassen Vila, b und VIII wurden Fragebogen mit Fragen vorgelegt, z. B.: glaubst du an Gott, hast du Katechismusunterricht gehabt, bist du gefirmt, wer hat dich in Glaubenswahrheiten unterrichtet? Den Schü­lern der Klassen VIII und Vila hat die Lehrerin empfohlen, sie sollten ant­worten: „ungläubig". Von den 15 Schülern der VIIa-Klasse haben etwa fünf Schüler es gewagt, sich offen als gläubig zu bekennen, und in der Vllb- Klasse (Erzieherin B. Sironienė) haben sich von 22 Schülern 14 als gläubig bekannt. Daraufhin setzte die Verfolgung der gläubigen Schüler ein. Der Schuldirektor S. Gilius, die Obererzieherin O. Končienė und die Partei­sekretärin Skliutienė haben begonnen, die Erzieherin J. Sironienė zu verhöh­nen, auszuschimpfen und ihr wegen schlechter atheistischer Erziehung zu drohen. Die erwähnten Pädagogen haben die Erzieherin täglich bis in die Nacht hinein festgehalten. Auch ihre Zöglinge hatten viel auszustehen: sie wurden täglich 2-4 Stunden lang verhört. S. Gilius und Frau Skliutienė ha­ben ganz besonders das Waisenkind A. Juozaitis bedrängt, das offen zugege­ben hatte, es sei gläubig und der Erzieherin J. Sironienė wie seiner eigenen Mutter zugetan. Ihm wurde ein für allemal verboten, die Wohnung der Erzie­herin zu betreten. Seine an den Bruder geschriebenen Briefe wurden gelesen und konfisziert.

Im Jahre 1976/1977 hat der Direktor S. Gilius den Schüler T. Lebenskas ver­pflichtet, seinen Freund A. Juozaitis zu bespitzeln. Die Klassenleitung hat die eingeschriebene Kommunistin B. Gaidytė übernommen. Sie durchsuchte die Schülerbänke; zur Durchsuchung wurden die Schülerinnen der VHIb Klasse O. Sokaitytė und T. Anulytė verpflichtet. Die atheistische Erziehung hat zu einem völligen moralischen Niedergang geführt: die Schüler trauen einander nicht mehr, haben begonnen Alkohol zu trinken, zu rauchen und Unzucht zu treiben.

Der Direktor S. Gilius hat den Schülerinnen der VIIIb-Klasse verboten, der an der multiplen Sklerose erkrankten und bettlägerigen ehemaligen Erziehe­rin dieser Schule R. Maciukonienė zu helfen, und das nur deshalb, weil sie von der Arbeitslosen J. Sironienė besucht wurde.

 

Vištytis

In der Mittelschule von Vištytis wurde ohne Wissen der Eltern der Schüler Rimas Vasiliauskas für die Pioniere eingeschrieben. Als die Leiterin der Pio­niere, Zina Daugėlienė, zu Beginn des Schuljahres 1975 erfahren hatte, daß R. Vasiliauskas bei der hl. Messe ministriere, hat sie den Schüler ausge­schimpft und ihm angedroht, daß er niemals eine gute Note bekäme. Ein anderes Mal hat die Leiterin der Pioniere wiederum Rimas ausgeschimpft, ihn an den Haaren gezogen und angeschrieen: „Du weißt doch, daß es für Pioniere verboten ist, zur Kirche zu gehen! Ich werde dich an Ort und Stelle zertrampeln, dann gehst du mir nicht mehr!"

Die vorgeladene Mutter von Rimas hat die Lehrerin gewarnt: „Bringen Sie den Kindern Wissen und Höflichkeit bei und lassen Sie das an den Haaren­ziehen meines Kindes bleiben".