Katholisches Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen 5. Mai 1979      Nr. 15

An die

Bischöfe und Bistumsverwalter Litauens

Lange haben wir, die Geistlichen Litauens, darauf gewartet, daß die Ordinarien Litauens zu aktuellen Fragen der katholischen Kirche Litauens Stellung nehmen. Daher waren wir auch ziemlich überrascht, als wir die erste öffentliche Verlautba­rung zu Gesicht bekamen — das Schreiben an das Amt des Bevollmächtigten des Rates für religiöse Angelegenheiten vom 6. April 1979. Wir danken den Ordina­rien Litauens für diese öffentliche Verlautbarung, fühlen uns aber gleichzeitig ver­pflichtet, unserer Sorge über viele der angeschnittenen und vergessenen Probleme Ausdruck zu verleihen.

Die Geistlichen Litauens sind sehr besorgt und bezweifeln, daß die liturgische Kommission es schaffen wird, einen brauchbaren und endgültigen litauischen Text des Meßbuchs zu erstellen. So wurde ja z. B. manche berechtigte Kritik an der Übersetzung des Neuen Testaments durch Pfarrer C. Kavaliauskas laut. Wä­ren nicht stärkere Bemühungen am Platze, daß unsere liturgische Kommission mit Spezialisten entsprechender Fachgebiete unter den litauischen Geistlichen der Emigration Kontakt aufnimmt, um zu übernehmen, was dort bereits geschaffen wurde, statt alles nochmal von vorn zu beginnen?

Die Ordinarien ersuchen um den Druck von 500000 Katechismen, erwähnen aber keine Gebetbücher, an denen es Erwachsenen wie Kindern sehr mangelt. Woraus sollen denn die 40000 Kinder beten, die in diesem Jahr zur ersten Kommunion ge­hen? Wir meinen, es sei an der Zeit, die Sowjetregierung dauernd daran zu erin­nern, daß wir, die Katholiken Litauens, nicht nur Schriften mit Grundwahrheiten unseres Glaubens und Gebetbücher brauchen. Wir bedürfen auch einer religiösen Literatur, wie einer geistigen Nahrung, wie der Luft zum Atmen. Sehr gut, daß die Ordinarien verlangen, die Zahl der Seminaristen zu vergrößern. Schade nur, daß sie nicht gleichzeitig auch das Recht verlangen, geeignete Stu­dienkandidaten selbst auszuwählen. Ist es doch kein Geheimnis, daß die Gottlo­sen sich in der Nachkriegszeit, besonders aber während der beiden letzten Jahr­zehnte, so intensiv in die Kandidatenauswahl eingemischt haben, daß gerade die Fähigsten nicht aufgenommen wurden. Eigentlich sollte man um Vergrößerung des Aufnahmekontingents nicht erst bitten, sondern verlangen, daß Staatsbeamte ihre eigenen Gesetze achten und sich nicht in innerkirchliche Angelegenheiten ein­mischen. Die Gottlosen behaupten unentwegt, die kirchliche Obrigkeit regele selb­ständig die Angelegenheiten des Seminars. Daher sollten die Ordinarien die Semi­narangelegenheiten auch wirklich in die Hand nehmen, statt die grobe Einmi­schung staatlicher Stellen in die Arbeit des Seminars auch noch vertuschen zu hel­fen.

Die Ordinarien bitten, die Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit in Kaunas steuerlich als Kultbau und nicht mehr als Lagerhaus zu behandeln, d. h. die Steuerlast zu verringern. Ist das Kollegium der Ordinarien wirklich das geeignete Gremium, sich mit einer solchen Einzelfrage zu befassen? Eine schier unerträgliche Steuer­last bedrückt besonders hart die Dorfkirchen. Obligate Versicherungsgebühren sind hier dreimal höher als in der Stadt. Nach dem Kriege war diese überhöhte Be­steuerung vielleicht noch zu vertreten, da es in ländlichen Gegenden kaum Feuer­wehren gab. Heute aber, wo jede Kollektivwirtschaft über eine Feuerwehrbrigade verfügt, ist die Beibehaltung eines dreifachen Satzes bereits als staatlicher Will­kürakt anzusehen. Wie erklärt sich ferner die Tatsache, daß Kirchen für die Kilo­wattstunde Elektrizität 25 Kopeken zahlen müssen, während der private Normal­verbraucher weniger als vier Kopeken für dieselbe Strommenge zahlt? Die Ordi­narien Litauens sollten diese Dinge an die Öffentlichkeit bringen. Sie ersuchen den Bevollmächtigten des Rates für religiöse Angelegenheiten zu ver­mitteln, daß der Wiederaufbau des Kirchturms in Kretinga genehmigt werde. Ob die Kirche von Kretinga mit oder ohne Turm sein wird, dürfte die durch priesterli­ches Verschulden zusammengebrochene seelsorgerische Arbeit in dieser Gemein­de kaum verbessern. Vorrang hätte nicht der Turm, sondern das Recht der Ordi­narien, selbständig Priester für einzelne Gemeinden zu benennen. Doch was tut sich heute? In den großen Gemeinden amtieren, als Resultat der Initiative gottlo­ser Staatsbediensteter, nachlässige, vergreiste Invaliden, oft sogar Priester mit an­stößigem Lebenswandel. Die Ordinarien sind nicht in der Lage, amtseifrige und leistungsfähige Priester in seelsorgerisch wichtigen Schwerpunktgemeinden einzu­setzen. Schon seit langem bitten die Gläubigen von Klaipėda den Verwalter des Bistums Telsiai um Abberufung des jetzigen und Ernennung eines neuen Gemein­depfarrers. Doch, der Bistumsverwalter ist nicht in der Lage, diesem Wunsch nachzukommen.

Der Bevollmächtigte des Rates für religiöse Angelegenheiten, P. Anilionis, ver­langt, den Vikar der Kathedrale von Telšiai, J. Kauneckas, in irgendeine entlegene möglichst weglose Gegend des Bistums zu versetzen, wo er nichts zu tun hätte. Derselbe Bevollmächtigte hindert den Apostolischen Administrator des Erzbi­stums Kaunas aber daran, einen Vikar für die große Pfarrgemeinde in Viduklė zu ernennen: möge der dortige, der Staatsmacht ungelegene Gemeindepfarrer sich doch totarbeiten.

Keineswegs verneinen wir, daß Kirchen Türme haben sollen, behaupten aber, un­ser aller Hauptanliegen —Ordinarien wie Pfarrer — ist der Aufbau der lebendi­gen Kirche. Die Zeit ist gekommen, daß unsere Ordinarien laut und vernehmlich verlangen — gebt uns die Freiheit, Dinge der Kirche und der Geistlichkeit selbst zu regeln!

Die Ordinarien bitten um die Genehmigung, die Kirche von Ignalina erweitern zu dürfen und lenken die Aufmerksamkeit auf die Lage in Klaipėda. Nicht um ErWeiterung der jetzigen Kirchenräume ist zu bitten, sondern die Rückgabe der den Gläubigen widerrechtlich fortgenommenen Kirchen von Ignalina und Klaipėda ist zu verlangen. Seit vielen Jahren bestehen die Gläubigen auf Rückgabe, die Ordi­narien sollten diese Initiative nun mit allen Mitteln unterstützen. Ebenfalls zu ver­langen ist die Rückgabe der Kathedrale von Vilnius und des Doms St. Kasimir, in dem ein Gottlosenmuseum eingerichtet ist. Wir nähern uns dem Jubiläum des 500. Todestages des Heiligen (1984).

Was eigentlich die Bitte der Ordinarien beinhaltet, den Liturgischen Kalender um »Predigt und andere Materialien« zu erweitern, ist den Geistlichen Litauens wirk­lich unbegreiflich. Falls ein für Geistliche bestimmter liturgischer Kalender zwei oder drei Sätze über ein religiöses Fest oder einen Heiligen enthält, so wird ein Pfarrer davon in seiner Predigt kaum Gebrauch machen. Die Gottlosen werden aber sogleich in alle Welt hinausposaunen, daß in Litauen jetzt »Predigtmaterial« gedruckt werden darf. Wenn schon bitten, so doch ernsthaft: man gestatte die Versorgung der Priester Litauens mit Predigtmaterial, man ermögliche die Her­ausgabe wenigstens eines Predigtbuches pro Jahr, man lasse zu, daß unsere Brü­der im Ausland uns religiöse Literatur zusenden! Bisher landete für uns bestimm­te religiöse Literatur der Emigration in den »Spezialfonds« der Bibliotheken, an die mit Sondergenehmigung nur solche Treuhänder der Gottlosigkeit wie J. Ani-čas oder ein P. Mišutis herankommen.

Wir können nicht überprüfen, wie weit Stimmen zutreffen, die Erklärung der Or­dinarien sei von Vertretern der Staatsmacht inspiriert. Jedem Priester Litauens ist klar, daß Punkt 9 dieser Erklärung — »die Ordinarien meinen, daß die in Litauen führende katholische Kirche über eine illustrierte Zeitschrift verfügen sollte, die das Leben unserer Kirche und ihre Tätigkeit schildert« — sicher nicht auf das Wirken des göttlichen Geistes zurückgeht. Würde eine Publikation es wagen, zu schildern, wie die Kirche Litauens gewürgt wird, die Hände der Ordinarien gefes­selt sind, wie Gläubige und Intellektuelle zu leiden haben? Man kann sicher sein: eine solche Publikation wird solche Fragen nicht anrühren. Oder würde man dort Bilder veröffentlichen, wie Menschen während des Gottesdienstes ohnmächtig werden, wie in der überfüllten Kirche von Klaipėda? Oder Bilder von den Ruinen der zerstörten Kirchen Litauens, z. B. Pilviskis? Sintautai, Bartininkai, Alvitas u. a., deren Wiederaufbau verboten wird. Oder Berichte darüber, wie Lehrer Kin­dern Kreuzchen und Amulette vom Hals reißen!? Was sonst würde so ein illu­striertes Journal denn bringen? Porträts der an Friedenskonferenzen teilnehmen­den Ordinarien? Wohl, doch würden solche Fotos unter den Gläubigen nichts als Empörung hervorrufen. Die Priesterschaft Litauens ist der Meinung, eine solche »illustrierte Publikation« wäre nur eine Propaganda-Seifenblase für die Welt, be­sonders angesichts der nahenden Olympischen Spiele in Moskau. Daher ersuchen wir die Ordinarien, ihre Bitte um eine »illustrierte Publikation« zurückzuziehen. Eine solche Publikation würde nicht der Kirche, sondern den Gottlosen dienen. Gleich nach Ostern verlangte der Bevollmächtigte des Rates von den Dekanen al­ler Bistümer, das »Statut für Religionsgemeinschaften« einzuhalten. Dem Bevoll­mächtigten zufolge hätten alle Dekane mitzuhelfen, daß alle Priester Litauens sich an die Bestimmungen des Statuts halten.

Aus den Unterredungen ergibt sich als Schlußfolgerung:

a.     Der Rat für religiöse Angelegenheiten möchte den Dekanen und über sie den Pfarrern Angst einjagen — daher fanden die Treffen auch nicht in den Räumen der Kurien, sondern in den Exekutivkomitees statt.

b.     Das Erwürgen der katholischen Kirche Litauens soll aber mit den Händen der Dekane vollzogen werden.

c.     Man verlangt von den Priestern Mittäterschaft an einem Verbrechen der Gottlosen, unter Verletzung der Rechte der Gläubigen, deren Kinder nicht mehr zu katechesieren, vom Altar zu vertreiben, von Prozessionen auszuschließen usw.

d.     Bei diesen Unterredungen wurden die Dekane auch noch beleidigt, indem man sie mit Kaffee traktierte, während der Bevollmächtigte von ihnen gleichzeitig den Verrat an Interessen der Kirche forderte.

e.     Die Kurialverwaltungen der Bistümer erniedrigten sich selbst, als sie es zulie­ßen, daß Einladungen zu Dekanentreffen in den Exekutivkomitees durch die Ku­rien zugestellt wurden. So versandte der Referent Kožukauskas vom Rat für reli­giöse Angelegenheiten an Seine Exzellenz Bischof Labukas ein Telefonogramm folgenden Inhalts: »Am 24. April 1979 wird im Exekutivkomitee Kaunas eine Un­terredung mit Dekanen Ihres Bistums durchgeführt. Beginn 14 Uhr. Wollen Sie bitte für die Teilnahme aller Dekane sorgen. Ihre Anwesenheit bei der Unterre­dung ist ebenfalls erwünscht.« Alle Kurien bemühten sich, nach Erhalt dieses Be­fehls, um sofortige Durchführung.

Anfang dieses Jahres haben 522 Priester Litauens und zwei Bischöfe — Seine Ex­zellenz Julijonas Steponavičius und Seine Exzellenz Vincentas Sladkevičius — ei­ne Aussage zu einer sehr wichtigen Frage unserer Kirche gemacht, nämlich, daß sie nicht in der Lage sind, das der Kirche aufgezwungene »Statut für Religionsge­meinschaften« einzuhalten und seinen Widerruf verlangen. Es wäre sehr passend, wenn sich auch die amtierenden Ordinarien Litauens zu dieser Frage äußern wür­den.

Besonders fordern wir die Ordinarien auf, sich um die Verletzung der Rechte der Kinder in Litauen zu kümmern, und gerade in diesem Jahr des Kindes dies heikle und äußerst bedeutsame Thema immer und immer wieder zu erwähnen. Wir sind davon überzeugt, daß auch wir Priester in bezug auf die Kinder nicht ganz schuld­los sind. Die Ordinarien könnten die Priester wenigstens privat ermahnen, sich mehr um Kinder und die Jugend zu kümmern. Allen, die aus Furcht oder Nach­lässigkeit die Pastoralarbeit unter Jugendlichen vernachlässigt haben, könnte man nahelegen, sich in die Provinz versetzen zu lassen und ihre Posten mutigeren und eifrigeren Priestern zur Verfügung zu stellen.

Verehrte Ordinare, Gottes Vorsehung ließ uns leben und wirken zu einem für das Leben der Kirche so wichtigen und entscheidenden Zeitpunkt. Lassen Sie uns

diese von Gott zugewiesene Mission ehrenvoll erfüllen.

Mitglieder des Katholischen Komitees zur Vertei­digung der Rechte der Gläubigen

die Pfarrer:

Jonas Kauneckas

Alfonasas Svarinskas

Sigitas Tamkevicius

Vincas Vėlavičius

Juozas Zdebskis

Katholisches Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen 15. Mai 1979      Nr. 16

An die

Staatsan wal'tschaft und das

Bildungsministerium der

Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen

Wir sind sehr besorgt darüber, daß in den Schulen der SSR Litauen die Terrorisie­rung von Schülern anhält. Am 15. Mai d. J. wandte sich Frau Irena Želvienė an das Katholische Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen. Ihrer Erklä­rung ist zu entnehmen, daß ihr Sohn Eugidijus, Schüler der IV. Mittelschule in Telšiai, wirklich schmerzhafter Verfolgung ausgesetzt ist. Die Lehrerin Frau Pili­pavičienė hat dem gläubigen und keiner Organisation angehörigen Schüler Eugi­dijus Želvys zwangsweise ein Pionierhalstuch umgebunden. Als dieser sich wehr­te, schlug sie ihm ins Gesicht und beleidigte ihn, indem sie ihn, im Verein mit der Lehrerin Frl. Petraitytė, einen »Kirchenhocker« schimpfte und mit unzensierten Ausdrücken belegte. Eine große Schar Kinder war Zeuge dieser Art von »Pädago­gik«.

Der stellvertretende Direktor der IV. Mittelschule Telšiai, gleichzeitig Vorsitzen­der des Koordinierungsausschusses für atheistische Arbeit des Rayons, Andrijaus­kas, zeigte sich in der Rayonzeitung »Leuchtturm des Komsomol« vom 17. April 1979 empört darüber, daß der Vatikansender von der Verfolgung religiöser Schü­ler in den Schulen von Telšiai berichte. Er wagt sogar zu behaupten, auch nicht ei­nen einzigen Fall zu kennen, daß »Schülern wegen ihrer religiösen Ansichten schlechtere Zensuren oder verminderte Betragensnoten gegeben werden, oder daß solche Schüler von Lehrern ausgelacht oder beleidigt werden«.

Man kann viele Fälle von Beleidigung und Lächerlichmachen von Schülern be­nennen.

Am 17. April 1979 nahm der Sportlehrer Valenčius der IV. Mittelschule Telšiai unter physischer Gewaltanwendung den Schülern Saulius Stonkus und Mažeika (Klasse IV) Kreuzamulette ab.

Die Geschichtslehrerin Karnischowa derselben Schule vernahm eine ganze Unter­richtsstunde hindurch die Schülerin der IX. Klasse, Rita Bumbliauskaitė, befragte sie über Glaubensangelegenheiten, verhöhnte und beleidigte sie, verlangte die Nennung der Namen ihr bekannter Priester usw.

Am 20. April d. J. richteten wir Ihre Aufmerksamkeit bereits darauf, daß der Schüler Vitalijus Semenauskas der I. Mittelschule Plungė wegen seines Glaubens von den Komsomolzen der Schule verfolgt wird, ohne, daß die Lehrer ihn in Schutz nehmen. Wir haben bisher keine Antwort bekommen, obwohl sowjetische Behörden verpflichtet sind, innerhalb eines Monats zu antworten. Wir ersuchen darum, zu veranlassen, daß ähnliche Vergehen der Lehrer künftig unterbleiben. Solche Pädagogen sollten in Sowjetschulen keine Verwendung fin­den.

Katholisches Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen

die Priester:

Jonas Kauneckas, Alfonasas Svarinskas, Sigitas Tamkevičius, Vincas Vėlavičius, Juozas Zdebskis.

 

In Sachen zweier Briefe an unsere Bischöfe und Bistumsverwalter

Im Frühjahr 1979 wurden zwei Briefe bekannt, die an die Bischöfe und Bistums­verwalter Litauens gerichtet waren. Einer davon ist anonym und eine »Gruppe von Priestern des Erzbistums Kaunas« bekennt sich als Verfasser. Der andere ist von einem Pfarrer aus Vilnius unterzeichnet. Beide Schreiben betreffen mehr oder weniger gleiche Fragen zur Situation der Kirche in Litauen und vertreten ähnliche Standpunkte. Nach der Lektüre beider Schreiben, kommen einem Gedanken, die hier dargelegt werden sollen.

Die Frage der Bischöfe wird angeschnitten. Meines Erachtens ist dies nicht gerade die zur Zeit aktuellste Frage. Würden Bischöfe, selbst wenn jedes Bistum einen hätte, viel an der Lage der Kirche ändern, die ja durch staatliche Gesetze geprägt worden ist?

Wichtiger scheint die Frage nach der Persönlichkeit eines Bischofs. Es schmerzt die Gläubigen, wenn sie feststellen müssen, daß ein Bischof oder Bistumsverwal­ter ein blindes Werkzeug in den Händen der Atheisten ist, nur selten in seiner Kir­che, noch seltener auf der Kanzel zu sehen ist, während seine Artikel in der athei­stischen Presse erscheinen. Ein solcher Bischof hat bei den Gläubigen keinerlei Autorität. Wir brauchen Bischöfe, die dem heiligen Paulus ähneln, keine Magna­ten alten Stils, die sich mit Bällen und Jagdpartien beschäftigen. Schmerzlicher ist das Problem der Ausbildung neuer Priester und des Ausbil­dungsniveaus im Seminar. Die Briefe stellen Tadelnswertes fest, geben aber kein Besserungsrezept. Dieser Zustand wird sich, wie man annehmen darf, kaum än­dern, solange der wirkliche Hausherr im Seminar nicht die Bischöfe, sondern die zivile Staatsmacht ist. Die Briefschreiber haben etwas gegen »Katakombenprie­ster«, doch trifft diese kaum ein Verschulden: »Katakomben« entstehen dort, wo es Behinderungen gibt. Die Verfasser sind bekümmert darüber, daß irgendwer die Untauglichkeit einiger Kleriker öffentlich bedauert hat. Man darf meinen, daß Schweigen in diesem Falle mehr denen nützt, die danach streben, daß das Seminar nicht den Interessen der Kirche diene. Die Öffentlichkeit muß wissen, welche un­befugten Kräfte die Hand nach dem Seminar ausstrecken. Mit Pathos wird über die Sache der Einheit gesprochen. Ein wahrhaft ewiges Pro­blem der Menschheit, das innerhalb der Kirche stets mit besonderer Schärfe ver­spürt wird. Einigkeit gab es nicht einmal im Kreise der Apostel — Judas ging den Weg des Verräters.

Einigkeit: auf welcher Grundlage und in welchen Punkten? Einen interessiert der Cognac, den anderen die Katechese und die Ministranten. Die einen träumen von einem »Wolga«-Auto, während andere sich mehr für Liturgie interessieren . . . Gehorsam: wem gegenüber und in welchen Dingen? Als die Zarenmacht um das Jahr 1870 russische Ritualbücher (als »Trebniki« bekannt) an die Kurien lieferte, ließ Bischof Valančius die erst gar nicht ausgepackten Pakete gleich postwendend an den Generalgouverneur zurückgehen. Der Administrator in Vilnius, Prälat P. Žilinskas, gab sie dagegen an die Priester weiter, deren überwiegende Mehrzahl die Annahme dieses »Geschenkes« verweigerte (nur jeder sechste nahm es an). Gilt nicht ähnliches für unsere Zeit? Der Anonymus schreibt — »manche Konfra-tres wollen so sehr alle überall belehren und anweisen, sich als Beispiel für andere aufspielen«. Es scheint als treffe dies auch auf den Anonymus zu, da er selbst »belehrt und anweist« und sich als »Beispiel für andere aufspielt«. In Wirklichkeit ist nur zu begrüßen, daß auch Priester Initiative entwickeln — die Kirche sollte alle etwas angehen, denn wir alle sind für ihr Schicksal verantwort­lich.

Der Anonymus behauptet, der Tätigkeit dieser Priester ermangle es an »edlen Zielen«, sie »kümmerten sich nicht um das Heil der Kirche und der Seelen«. Wer kann schon ins Innere eines anderen schauen? Ist eine solche Behauptung von »edlen Zielen« diktiert, oder handelt es sich um eine unberechtigte Unterstellung, die ein Mensch mit ehrenvoller Ethik sich nicht leisten würde?

Der Anonymus erklärt, diese Confratres möchten gerne die Aureole von »Helden oder Märtyrern« tragen . . . Mir scheint, sie wollen nur der Kirche treu sein.
Schließlich bleibt es allen Anonymen freigestellt, ihrerseits »Helden« und »Märtyrer« zu werden, niemand hindert sie daran.        

Die Komjaunimo Tiesa (Komsomol-Wahrheit) schrieb in Nr. 12 von 1979: in sechs Jahren Bürgerkrieg wurden in Rhodesien 33 katholische Missionare ermor­det, und am Vorabend des neuen Jahres seien weitere zwei spurlos verschwunden. Wollten diese Menschen nur berühmt werden, sich mit der Aureole von Helden schmücken? Sie haben doch trotz einer äußerst ungünstigen Situation nur ihren Posten nicht verlassen. Weder suchten sie den Tod, noch riskierten sie leichtfertig ihr Leben — sie blieben nur ihrer Berufung treu, zeigten Ausdauer und Mut bei Erfüllung ihrer Pflicht. Dies erklärte in diesem Jahr ein hoher Geistlicher aus Südrhodesien vor der Schweizer Bischofskonferenz und erwähnte u. a., daß zu­sammen 47 Missionare aller christlichen Konfessionen Opfer der Unruhen in die­sem Lande geworden sind . . . Man darf meinen, daß eine ähnliche Charakteri­stik auch auf die Menschen zutrifft, die der Anonymus angreift. In den Briefen liest man etwas von »künstlichem Suchen nach Konfliktsituationen mit dem Staat und den Atheisten«, von »Taktlosigkeit«, von »billiger und gefähr­licher Popularitätshascherei«.

Bei der Durchführung des Evangelisationsauftrages sind Konflikte nicht zu ver­meiden — »Wäret Ihr von der Welt, so würde die Welt das ihrige lieben« (Joh 15,19). Und konfliktlos zu leben, ist nicht immer ehrenvoll: »Wollte ich allen ge­fallen, so wäre ich Christi Diener nicht« (St. Paulus). Ohne Konflikte zu leben be­deute oft genug — »unter einem Baume stehen«, Christus war nicht so: er geriet in Konflikt, selbst mit den Führern seines eigenen Volkes. Die Verfasser unserer Briefe würden zweifellos auch die heiligen Apostel dessel­ben Lasters —Jagd nach dem Heiligenschein von Helden und Märtyrern — zei­hen, die da sagten, als man ihnen das Wirken verbot; ». . . nicht vermögen wir's, nicht zu reden« (Apostelgeschichte 4,20). Auch der hl. Apostel Paulus bekäme ei­niges ab von den anonymen Autoren, da er, bereits gesteinigt, wieder zu sich ge­kommen, neues »Martyrium« sucht (Apostelgeschichte 14,20). Man muß annehmen, daß der Anonymus den Vorwurf von »Taktlosigkeit und Sucht nach billiger Popularität« auch gegen den Märtyrer St. Stanislaw erheben würde, der es wagte seine Stimme wider König Boleslav II. zu erheben . . . Doch das Volk von damals stand nicht ein für seinen König, der aus seinem Lande flie­hen mußte und in der Fremde starb; es unterstützte den Bischof, der sich dem grausamen und amoralischen Herrscher widersetzte, das Volk mit hoher Land­steuer plagte, in der Ukraine Raubkriege führte und kirchliches Recht mit Füßen trat. Wir wissen, daß Papst Johannes Paul IL, den von Boleslav II. ermordeten heiligen Stanislaus geehrt und einen Verteidiger der Menschenrechte genannt hat . . .

Derselbe Anonymus verurteilt die »Chronik«, denn sie diene der Kirche nicht. Möglicherweise ist nicht all ihr Material gleich wertvoll, doch sollte man beden­ken, daß es sich hier um den Aufschrei geschundener Menschen handelt. Selbst sowjetische Gesetze gestatten es, bei Selbstverteidigung manchmal auch mehr Kraft anzuwenden als eigentlich nötig wäre. Dieser Zustand der Selbstverteidi­gung bestimmt auch den Ton der »Chronik«. Es wäre mehr als zynisch, wollte man dem Mißhandelten das Schreien verbieten. Wie kann ein Räuber, der einen Menschen auf der Straße oder im Wald überfällt, erwarten, daß sein Opfer schweige . . . Sicher gibt es Kräfte, denen wohler wäre, wenn die Chronik »erst gar nicht geboren wäre . . .« Mit diesen solidarisiert sich anscheinend unser An­onymus.

In den Briefen wird die Spaltung in Linke und Rechte bedauert. Die Spaltung be­steht leider. Doch das Volk nennt die Gruppen anders: indem es die Priester in »Kühlschränke« und »Wärmemaschinen« einteilt.

Einigkeit hat es unter Menschen nie gegeben. Philosophen sprechen von den Ty­pen des Bourgeois und des Idealisten in der Gesellschaft, Historiker (P. Vėbra z. B.) teilen die Geistlichkeit Litauens im 19. Jh. wertend in drei Gruppen — 1) die Passiven, Anpasser und Kriecher, 2) die Aktivisten und Kämpferischen und 3) die in der Mitte Stehenden. Es gibt auch noch andere Spaltungen, wo Menschen nach neuen Wegen und Methoden suchen, und die danach dürsten der Kirche Gutes zu tun. »Konservative« sollten sie deshalb nicht verurteilen. Man sollte mehr guten Willen bei denen sehen, die auf unbegangenen Pfaden wandeln, sollte ihre schöp­ferische Initiative begrüßen, denn bequeme Wege gab es für die Kirche nie. Deutschland bietet da ein gutes Beispiel an. Wer den breiten Weg wählte, hatte es später zu bereuen, wie etwa Ludwig Müller, den Hitler 1935 zum Führer der pro­testantischen Kirche bestellte. Dieser Bischof war weder bei der Geistlichkeit noch beim Volk beliebt. Im Jahre 1945 endete er — durch Selbstmord. Sicher, zu be­reuen hatten auch die Überlebenden, nach der Hölle — langer Lagerhaft: »Wir haben gekämpft, geleitet von unserem Glauben . . . Wir schämen uns dieses Kampfes nicht. Wir schämen uns nur, diesen Kampf nicht offen und ernst genug geführt zu haben.«