An das Zentralkomitee der Litauischen Kommunistischen Partei An das Präsidium des Obersten Sowjet der Litauischen SSR An den Ministerrat der Litauischen SSR
Durchschläge an die Bischöfe und Diözesanadministratoren Litauens Erklärung
Von Februar bis April dieses Jahres fanden in den Rayon-Zentren der Litauischen SSR Kampagnen gegen die kirchliche Hierarchie statt. Diese Aktion wurde von Petras Anilionis, Bevollmächtigter für Religiöse Angelegenheiten der Litauischen SSR geleitet.
Wir, die Mitglieder der Diözesanpriesterräte der Römisch Katholischen Kirche Litauens, gewählte Vertreter der Priesterschaft, halten folgende Erklärung für notwendig:
1. Die Katholische Kirche wurde durch unseren Herrn Jesus Christus gegründet. Sie basiert auf einer hierarchischen Struktur. Oberhaupt der Kirche ist der Papst in Rom. Er ist Nachfolger des hl. Petrus. Die Bischöfe, als Nachfolger der Apostel, sind dem Papst in der Regierung der Kirche behilflich. Die Priester helfen den Bischöfen. Die Bischöfe berufen die Priester. Diese leiten unter dem offiziellen Titel »Pfarrer« die einzelnen Pfarreien. Die Pfarrer verpflichten sich den Bischöfen gegenüber unter Eid zur gewissenhaften Verwaltung der Pfarreien und ihrer Kirchen. Komitees werden zwecks Wahrung der kirchlichen Belange aus den Reihen der Gläubigen gewählt. Die Komitees stehen unter der Leitung eines Pfarrers oder Priesters, welcher die Stelle eines Pfarrers innehat. Das Komitee ist ohne Pfarrer nicht beschlußfähig. Andernfalls wird gegen kirchliche Vorschriften verstoßen.
2. Petras Anilionis, Bevollmächtigter für Religiöse Angelegenheiten der Litauischen SSR, ignoriert völlig die hierarchische Struktur der Kirche. Er persönlich oder seine Stellvertreter suchten die republikanischen Zentren der Rayons auf, bestellten Kirchenkomiteemitglieder zu sich und agierten ganz offen gegen die Verantwortlichen der Pfarreien — die Pfarrer. Sie forderten die Komiteemitglieder auf, die Administration der Pfarrei und der Kirche vom Pfarrer zu übernehmen, mit der Behauptung, daß die Komiteemitglieder, und nicht die Pfarrer, Administratoren der Pfarreien sind. Die Pfarrer seien Gedungene der Komitees. Er (Anilionis) hielt die Komiteemitglieder an, die Pfarrer in ihrer Pflichterfüllung zu hindern — nicht zuzulassen, daß Kindern Katechismusunterricht erteilt, daß katechetische Predigten gehalten, daß Priester aus anderen Pfarreien bei Wallfahrts- und Einkehrtagen aushelfen, und den Kindern zu verbieten, bei der hl. Messe zu ministrieren und an Prozessionen teilzunehmen. Er verleumdete eifrige Priester und in Radviliskis hat er mit Hilfe der Miliz die Priester aus dem Seminar entfernt, die Mitglieder ihrer Kirchenkomitees waren.
3. Wir möchten darauf hinweisen, daß die sowjetische Regierung die Katholische Kirche nicht wie verschiedene Sekten, oder wie protestantische oder orthodoxe Kirchen behandeln sollte. Das Oberhaupt der Katholischen Kirche lebt jenseits der Grenzen der Sowjetunion. Der Papst kennt keine politischen Ziele. Aber seine Befehle sind bindend für alle Mitglieder der Katholischen Kirche, da er das Oberhaupt der Katholischen Kirche ist. Das gilt ungeachtet des jeweiligen Staates oder der gesellschaftlichen Ordnung. Die Katholische Kirche in Litauen wird ebenfalls vom Papst regiert. Die katholischen Bischöfe, Priester und Gläubigen sind zum Gehorsam dem Papst gegenüber verpflichtet, wenn sie in Einheit mit ihrer Kirche bleiben wollen.
Die Katholische Kirche hat ihr eigenes Gesetzbuch: den Codex Juris Canonici. Dieser bestimmt das gesamte kirchliche Leben. Die katholischen Bischöfe, Priester und Gläubigen handeln in Ubereinstimmung mit dem kanonischen Recht der Kirche. Sie können es nicht mißachten oder übertreten. Sie sind zur Einhaltung verpflichtet.
Das Präsidium des Obersten Sowjet der Litauischen SSR bestätigte jedoch am 28. Juli 1976 die »Vorschriften für Religiöse Vereinigungen«, die sich grundsätzlich gegen das kanonische Recht der Kirche und die hierarchische Struktur der Kirche richten.
Man ist bestrebt, diese Regeln auch auf die Katholische Kirche in Litauen anzuwenden, ungeachtet der Tatsache, daß die sowjetische Regierung in ihrer Verfassung, der Erklärung der Menschenrechte und der Erklärung der
Helsinkischlußakte Religionsfreiheit für ihre Bürger garantiert. Zwei litauische Bischöfe und 520 Priester haben über dieses Thema geschrieben.
Im Hinblick auf die oben angeführten Tatsachen protestieren wir gegen die brutale Verletzung der Kirchengesetze, die durch den Bevollmächtigten Anilionis veranlaßt werden oder bereits durchgeführt worden sind. Wir bitten Sie, ihn daran zu erinnern, daß es seine Aufgabe ist, zwischen Kirche und Staat zu vermitteln, und nicht die Zerstörung der Kirche zu betreiben. Er muß Staatsdiener sein, und kein militanter Atheist.
Mit diesem Brief 'erklären wir noch einmal, daß weder die litauischen Priester noch die Gläubigen Forderungen annehmen können, die im Gegensatz zu den hierarchischen Strukturen der Kirche und ihrer kanonischen Gesetze stehen. Wir wollen auf ein Übel aufmerksam machen, das, wenn es nicht beseitigt wird, die Kirche in Konflikt mit dem Staat bringen kann. Das wäre weder wünschenswert noch nötig für beide Seiten.
Priesterrat der Erzdiözese Vilnius:
Mykolas Petravičius Jonas Vaitonis
Algimantas Keina Jonas Lauriūnas
Kazimieras Žemėnas Marijonas Savickas
Alfonsas Petronis Ričardas Černiauskas
Donatas Valiukonis
Priesterrat der Erzdiözese Kaunas:
Jonas Babonas Eugenijus Bartulis
Mykolas Buožius Kęstutis Daknevičius
Gustavas Pesliakas Leonas Kalinauskas
Vytautas Pesliakas Edvardas Semaška
Alfonsas Svarinskas Lionginas Vaičiulionis
Priesterrat der Diözese Panevėžys:
Petras Adomonis Bronius Antanaitis
Petras Baltuška Antanas Balaišis
Petras Budriūnas Juozas Janulis
Stanislovas Krumpliauskas Jonas Pranevičius
Juozas Šumskis Leopoldas Pratkelis
Priesterrat der Diözese Telšiai:
Julius Budrikis Jonas Gedvilas
Jonas Kauneckas Alfonsas Lukoševičius
Adomas Milerius Tadas Poška
Adolfas Pudžemis Petras Puzaras
Vincentas Senkus Antanas Šeškevičius
Vincentas Vėlavičius
Priesterrat der Diözese Vilkaviškis:
Sigitas Tamkevičius Jonas Maskvytis
Andrius Gustaitis Albinas Deltuva
Juozas Žemaitis Pranas Račiūnas
Kostas Ambrasas (keine Unterschrift) Petras Dumbliauskas
Juozas Adomaitis Antanas Gražulis
Priesterrat der Diözese Kaišiadorys:
Jonas Mintaučkis Marijonas Petkevičius
Jonas Jonys Jonas Pilka
Juozas Matulaitis Stanislovas Kiškis
Ignacas Milašius Alfonsas Ažubalis
Mykolas Balnis Bronius Bulika
3. Mai 1981, Fest der Auffindung des Heiligen Kreuzes